Exkursion nach Krakau & Auschwitz

Verantwortung, die nicht endet“ – Exkursion nach Krakau und in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz

Wie Frankreich, Österreich und Dänemark o.a. ist auch Polen eines unserer Nachbarländer – und dennoch ein deutlich seltener gewähltes Reiseziel. Warum ist das so? Liegt es an der Situation im Kalten Krieg, an der anspruchsvollen polnischen Sprache, der sehr komplizierten Geschichte zwischen beiden Nationen, an Vorurteilen? Eine solche Frage kann man nur beantworten, wenn man sich auf den Weg macht und einen Schritt ins Unbekannte wagt. Dies tat im Frühling 2026 eine Gruppe von 32 Schülerinnen der Qualifikationsphase in Begleitung der Geschichtslehrkräfte Frau Sandra Budimir, Frau Antje Gerlach, Herrn Jonas Horn, Herrn Georgy Kirillov sowie Frau Heike Röhl im Rahmen einer fünftägigen Exkursion zu Beginn der Osterferien in Polens zweitgrößte Stadt.

Unterstützt wurde diese Fahrt von der Jakob-Kaiser-Stiftung, die uns vor Ort mit dem Bildungsreferenten Herrn Michael Mohs begleitete und der Exkursion auch ihren Titel und ihre Prägung gab: „Verantwortung, die nicht endet“.

Obwohl im Geschichtsunterricht intensiv über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg gesprochen wird, kann die eigene Vorstellungskraft nur sehr schwer erfassen, wie sehr viele Menschen während dieser Zeit unter Unterdrückung, Verfolgung und Terror gelitten haben. Gerade im Angesicht des aktuellen Rechtsrucks ist es aber umso wichtiger, sich mit diesem unangenehmen Teil der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, um daraus lernen zu können. Darum ist der Besuch der Gedenkstätte eines ehemaligen Konzentrationslagers eine wichtige, empfehlenswerte Erfahrung, denn spätestens danach ist es einem unmöglich, die Augen vor den Gefahren von Nationalismus, Rassismus und Faschismus zu verschließen.

Man wird als Deutscher in Auschwitz niemals ein bloßer Besucher sein“, sagt der Schriftsteller Navid Kermani. Und er hat recht damit. Das Gefühl, selbst in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zu stehen, ist unglaublich schwer in Worte zu fassen. Am nächsten käme wohl das Wort Unbehagen, aber auch das umschreibt es nur sehr grob. Es fühlt sich an, als sei das Leid der Millionen Menschen an diesem Ort gespeichert. Man kommt nicht umhin, sich die ehemaligen Gefangenen vorzustellen, und doch gelingt es einem nicht im Ansatz, die Erzählungen des Guides zu visualisieren. Die Tagesabläufe der Gefangenen werden detailliert erläutert, Einzelschicksale berichtet, man sieht physische Überbleibsel der Zeit, z.B. Folterinstrumente, aber auch unzählige Schuhe, mit denen die Gefangenen ankamen, und wird durch Baracken sowie Zellen geführt. Dennoch kann man kaum glauben, dass all das Wirklichkeit war. Ich selbst komme an meine Grenzen bei dem Versuch, über unseren Besuch dort zu berichten, und kann es nur jeder Person ans Herz legen, sich dem zu stellen und eine solche, aber auch v.a. diese Gedenkstätte nach Möglichkeit selbst zu besuchen.

Darüber hinaus lernten wir in den Gesprächen mit den Guides oder auch in der Gruppe mit unseren Lehrkräften, aber auch durch Begegnungen mit Polen in unserer Freizeit mehr über die, trotz der damaligen Ereignisse beständige, deutsch-polnische Freundschaft – ein Thema, das in unserem Alltag selten präsent, aber doch sehr spannend ist. Glücklicherweise existierte durch den Geschichts- und Geographieunterricht dann doch Vorwissen bezüglich der Veränderung der deutsch-polnischen Grenze in den letzten zwei Jahrhunderten und die daraus entstehenden kulturellen Einflüssen auf die jeweils andere Nation. Zusätzlich wurden verschiedene Stigmata aufgeklärt und aus unseren Köpfen verbannt.

Bei einer Stadtführung am zweiten Tag erfuhren wir viel Wissenswertes über die Stadt Krakau selbst. Sie ist als Krönungsstadt der polnischen Könige das historische und kulturelle Herz Polens, wie unsere Guides nicht müde wurden zu erwähnen. Krakau wurde während des II. Weltkriegs als Sitz des Generalgouverneurs Hans Frank nicht maßgeblich zerstört und zeigt sich heute als sehr junge und lebendige Universitätsstadt mit dem Wawelschloss als Höhepunkt einer wunderschönen Innenstadt, die deutlich widerspiegelt, dass Polen ein sehr katholisch geprägtes Land ist: Uns begegneten am Palmsonntag Menschen jeden Alters in Trachten oder mit Palmzweigen und als fleißige Besucherinnen und Besucher von Gottesdiensten in opulenten Kirchen, die alle ihre eigenen Geschichten tragen. Am einprägsamsten ist sicher die Marienkirche am Krakauer Marktplatz mit ihrem eindrucksvollen 13 m hohen spätgotischen Altar von Veit Stoß. Die Figuren darin sind allein fast 3 m hoch! Und jede volle Stunde spielt auf dem Turm ein Trompeter der Krakauer Feuerwehr nacheinander zu allen vier Himmelsrichtungen hinaus ein Lied – auch mitten in der Nacht! Das Highlight unserer Stadtführung war aber der Drache, der als Wahrzeichen der Stadt gilt und in Form einer Statue sogar echtes Feuer spucken kann.

Aber Krakau war und ist auch eine Stadt mit pulsierendem jüdischem Leben. Bei den Führungen zur jüdischen Geschichte der Stadt am dritten Tag besichtigten wir auch eine der Synagogen im jüdischen Viertel Kazimierz. Während des Krieges wurden sie nicht zerstört, da die Nationalsozialisten sie zu Lagerräumen oder Ställen umfunktionierten. Die jüdischen Menschen selbst mussten im Ghetto auf der anderen Weichselseite zusammengepfercht leben, wo die Lebensbedingungen in sämtlicher Hinsicht alles andere als menschlich waren. Mehr darüber lernten wir im Schindler-Museum, das neben Schilderungen des jüdischen Lebens zur NS-Zeit auch die ungewöhnliche Geschichte Oskar Schindlers erzählt, der durch Kollaboration mit den Nazis 1000 Juden vor dem Tod retten konnte und dessen Geschichte im Spielberg-Film „Schindlers Liste“ dargestellt wird. Gerade als letzter Programmpunkt einer emotional anstrengenden Bildungsreise ließen die Berichte der Menschen, die Schindler rettete, ein Gefühl der Hoffnung in uns zurück.

Zum Abschluss des dritten Tages besichtigten wir das Mahnmal auf dem Platz der Helden des Ghettos. Dieses besteht aus leeren Stühlen auf dem Platz, an dem während der Besatzungszeit täglich Sammelrufe abgehalten wurden und von dem aus jüdische Menschen in die NS-Vernichtungslager deportiert wurden. Die Stühle erinnern an die Leben, die ausgelöscht wurden, an all die Chancen und Potenziale dieser Menschen und ihren sinnlosen Tod.

Die gesamte Reise ermöglichte uns Teilnehmenden in wenigen Tagen zahlreiche intensive Eindrücke und vermittelte uns Geschichte(n), die niemand von uns jemals wieder vergessen wird. Diese Erinnerungen sind uns aber auch Warnungen: So etwas darf nie wieder passieren! Man verdrängt gerne, wie unmenschlich Menschen miteinander umgehen können. Eine Auseinandersetzung in dieser Intensität hat viel Kraft und Überwindung gekostet, aber sie ist unersetzbar, denn Jugendliche meines Alters und jünger werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit kein Zeitzeugengespräch mit Menschen aus dieser Zeit mehr erleben. Gerade deswegen ist es so wichtig, die Orte selbst zu besichtigen, um zu verhindern, dass der Holocaust verharmlost wird oder gar in Vergessenheit gerät.

Vielleicht ist es die Ambivalenz des Landes Polen – einerseits spannendes kulturelles und landschaftliches Reiseziel zu sein, andererseits an historischen Orten zu stehen, die zu einer inneren Auseinandersetzung zwingen –, die es von den üblichen Urlaubszielen unterscheidet. Wir waren nicht im Urlaub, sondern haben eine Reise erlebt.

Edda Ottenberg, Q4